Begegnung mit dem „großen Hecht“, der so gar nicht schwimmen kann

In Dresden-Trachenberge pflegt ein Verein die Geschichte rund um die Straßenbahn

Manchmal, wenn ich sehe, wie sich die rustikalen Pferdekutschen ihre Weg durch die Dresdner Innenstadt bahnen und dabei die Schienen der Dresdner Straßenbahn kreuzen, kommen mir Gedanken an die Zeit in den Sinn, als Pferd und Schienenbahn eine Einheit waren. In Dresden wurde 1872 der Straßenbahnbetrieb aufgenommen – mit Pferden als Antrieb oder besser gesagt, als Zugmaschine. Rund 20 Jahre später, 1893, sorgte die erste elektrische Straßenbahn für Aufregung in Dresden. In der einstigen Unterstellhalle der Pferde auf dem Betriebshof Trachenberge der Dresdner Verkehrsbetriebe hat seit 1996 das Dresdner Straßenbahnmuseum sein Domizil. Seit der Gründung des Vereins „Straßenbahnmuseum Dresden e.V.“ am 2. Juni 1992 in Mickten und dem Umzug nach Coswig hat sich viel getan. Heute geben 38 Fahrzeuge, Technik, ohne die keine Bahn unterwegs sein konnte, einstige Arbeitsplätze des Einsatzleiters, des Bahnhofsschalters, ja sogar eine Minikantine Einblick in die Entwicklung der Dresdner Straßenbahn. Alles aufwändig, fachkundig und mit viel Liebe zum Detail von den Vereinsmitgliedern bewahrt.
Im Foyer des Museums  erwartet uns Joachim Richter. Er ist einer von rund 140 Mitgliedern des Vereins „Dresdner Straßenbahnmuseum e.V.“, die Interessierte durch das Depot führen oder am Erhalt und an Neuerungen tüfteln. „Seien Sie vorsichtig“, warnt uns Herr Richter. „In Kniehöhe ragen die Wagenkupplungen hervor. Das kann zu schmerzhaften Begegnungen führen.“ Gewarnt hat er uns allerdings nicht, dass unsere nicht mehr so jungen Gelenke beim Einstieg in einen der historischen Wagen arg belastet werden. Doch mit gegenseitiger Hilfe kommen alle hinein und lassen sich auf den recht unbequemen Sitzen nieder. Belustigt stellen wir Vergleiche an zu den heutigen Straßenbahnen. Fast auf jeder Strecke fahren Niederflurwagen, die einen bequemen Ein- und Ausstieg ermöglichen, selbst für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen sind die heutigen Wagen kaum noch ein Hindernis. In die historische Wagen hatten sie kaum oder nur schwer Zugang, Fahrräder – so wie heute – passten überhaupt nicht rein. Allerdings – diesen Seitenhieb auf heutiges Miteinander können wir uns nicht verkneifen – als die Bahnen mit dem hohen und sehr schmalen Einstieg unterwegs waren, gab es viel mehr hilfreiche Hände als heute, die kräftig zupackten.

Doch zurück zum Museum. Neben den aufgereihten Wagen hat in Sichtweite dazugehörige Technik ihren Platz gefunden. Da aus welchen Gründen auch immer bereits seit 1972 bestimmte Teile zu Seite gestellt wurden, wie Joachim Richter sagt, nicht mehr eingesetzte Bahnen und Arbeitswagen erhalten blieben, statt sie zu verschrotten, kann der Museumsverein heute auf einen umfangreichen Fundus zurückgreifen. Vor dem „großen Hecht“, der bis 1972 auf der Linie 11 zwischen Dresden-Bühlau und Coschütz im Regelverkehr unterwegs war, kommen die Ur-Dresdner unter uns ins schwärmen. Erinnerungen an verliebte Bahnfahrten kommen auf und gemeinsame Ausflüge. Heute ist der „Hecht“ gelegentlich noch zu Sonderfahrten auf der Linie 7 unterwegs. Sonderfahrten gibt es mehrmals im Jahr und Führungen durchs Museum einmal im Monat. www.strassenbahnmuseum-dresden.de Auf die Frage nach dem „kleinen Hecht“ reagiert Herr Richter mit einem Lächeln: „Kommt noch.“ Weiter geht es vorbei an Wagen, in denen der Fahrzeuglenker sozusagen mitten im Gedränge der Fahrgäste stand. Vorbei an angehängten Wagen, in denen die Schaffner die Fahrkarten verkauften. Dann die erste Bahn mit Zeitkartenwagen und später dem OS-Aufdruck. Diese Bahnen waren ohne Schaffner unterwegs. Fahrscheine konnten vor Antritt der Fahrt gelocht werden oder man zog sich nachdem man sein Geld in die Box geworfen hatte per Hebelzug einen Fahrschein. In den Boxen landeten sehr häufig außer Geldstücke auch Knöpfe – Hauptsache es klapperte beim Hebelzug. Damals Betrug, heute mit einem Lächeln erzählte Erinnerung.

Die heute als historisch geltenden Straßenbahnwagen wurden bis 1957 im Waggonbau Bautzen und Niesky gebaut. Die Elektrik kam aus dem Sachsenwerk Dresden-Niedersedlitz. Spätere wurden diei Bahnen im Waggonbau Gotha/Thüringen gebaut. In den 1960er Jahren fuhren die ersten Tatra-Wagen auf Dresdner Gleisen. Auch diese wurden im Laufe der Jahre den Erfordernissen angepasst. Mit neuer Wagenbreite von 2,20 m kamen die Großraumwagen auf. Sie boten mehr Platz und mehr Komfort für die Fahrgäste und dem Personal eine abgeschlossene Fahrerkabine und sorgte so sicher auch für mehr Ruhe im Fahrbetrieb. Seit April 1996 sind zudem sogenannte Niederflurwagen im Einsatz.

Mit der Zeit war auch das Straßenbahnmuseum in die Jahre gekommen. So begannen 2009 umfangreiche Bauarbeiten. Als erstes wurde das Dach der Fahrzeughalle A erneuert, dann wurden die Gleisanlagen saniert. Außerdem Voraussetzungen geschaffen, um künftig neben den Straßenbahnwagen auch historische Fahrzeuge der Betriebswerkstatt zeigen zu können. Ende November 2011 wurde die Wiedereröffnung gefeiert. Und so geht auch unser geführter Weg vorbei am letzten grünen Lockwitztalbahnwagen, dem gelben Postwagen 35, der Drehleiter auf Schienen für Arbeiten in der Höhe, der grauen Bau-Lok, dem Sonderfahrt-Wagen 309 nach Freital-Hainsberg und natürlich dem „kleinen Hecht“ mit der Liniennummer 2. Schließlich stellt Joachim Richter noch das gesammelte Zubehör vor. Neben den riesigen Stromabnehmern kommt man sich klein und unbedeutend vor. Vergnügtes Lachen und Erzählen dann in der aufgebauten Kantine, wie auch wir sie noch aus unseren eigenen Betrieben kennen. Voller neuer Eindrücke lassen sich einige von uns schließlich in einer ausladenden Wartehalle nieder, mit dem Ausblick auf die unterschiedlichsten Haltestellen-Schilder. Mit herzlichem Applaus verabschieden wir uns nach fast zweistündigem Rundgang von Joachim Richter. Gern nehmen wir seinen Wunsch mit auf den Weg, das Museum weiter zu empfehlen und auch den Tipp, dass der Verein offen ist für Zuwachs, gern mit handwerklichen Fähigkeiten. Text & Fotos:  Sabine Bachert

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