Ein Bummel durch die Jahrhunderte

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Stadtführer Wolfgang Trodler nahm die Seniorengruppe des DJV Sachsen mit auf eine spannende Reise durch Görlitz – die östlichste Stadt Deutschlands

Hoch über Görlitz und die Neiße erhebt sich die Pfarrkirche St. Peter und Paul – kurz Peterskirche genannt – als ein Wahrzeichen der Stadt. Der mächtige Ostchor mit dem spitz aufragenden Kupferdach von 72 Metern kündet von der einstigen Wehrhaftigkeit der Stadt, aber auch ihrem Reichtum. Eine Attraktion im Wahrzeichen selbst ist die Sonnenorgel. Sie wurde 1697 von dem aus Italien stammenden kaiserlichen Hoforgelbaumeisters Eugenio Casparini geschaffen. Ein Prospekt mit 17 strahlenförmig angeordnete Pfeifen („Sonnen” ) und ein spektakuläres Register gehören zu ihren Besonderheiten. Nicht nur zu Konzerten erfreut die Orgel die Zuhörer. Von April bis Oktober dienstags und donnerstags sowie an Sonn- und Feiertagen wird die Orgel  Punkt 12 Uhr angespielt und den interessierten Besuchern erklärt.

An dieser Stelle endete im September  der „Bummel durch die Jahrhunderte“ in der östlichsten Stadt Deutschlands. Über zwei Stunden war dien DJV-Seniorengruppe mit Stadtführer Wolfgang Trodler unterwegs. Obwohl er bestimmt noch viele spannende Fakten und Geschichten seiner Heimatstadt auf Lager hatte, waren alle froh, sich endlich im Gasthaus „St. Jonathan“ niederlassen zu können. Im gemütlichen Biergarten ließen wir es uns schmecken und Görlitz noch einmal Revue passieren.

Im Bereich des heutigen Untermarktes machte um 1220 die Stadt Görlitz als Handelsplatz von sich reden. Tuche und das Tuchfärbmittel Waid aus Thüringen wurden von hier aus nach Osteuropa ausgeführt. Pelze, Wachs und Honig zurückgebracht. Die Lage an der „Via Regia“, einem der ältesten und bedeutendsten europäischen Handelswege, wirkte sich positiv auf die weitere Entwicklung aus. Um 1250 erfolgte die Stadterweiterung um den heutigen Obermarkt, der zum neuen, großen Handelsplatz der Stadt wurde. Mit der Unterzeichnung der Wiener Kongressakte 1815 endete für Görlitz zunächst die 180-jährige Zugehörigkeit zur sächsischen Krone. Preußens König Friedrich Wilhelm III. übernahm mit dem nordöstlichen Teil der Oberlausitz Provinzstädte wie Görlitz, Rothenburg, Lauban, Niesky und Hoyerswerda. Im Laufe der Weltgeschichte wurden alte Zustände wieder hergestellt oder neue geschaffen. Heute gehört Görlitz mit Teilen von Schlesien wieder zum Freistaat Sachsen. Andere schlesische Gebiete liegen heute auf dem Territorium Polens. Besonders ist heute noch, dass das deutsche Görlitz diesseits der Neiße liegt und das polnische Zgorzelec jenseits des Grenzflusses – verbunden durch eine Brücke, die heute jeder Bewohner oder Besucher zollfrei passieren kann.

Görlitz war 1815 eine Stadt mit gut 8 700 Einwohnern. Gefördert durch die Einführung der preußischen Städteordnung 1833 und die Bildung des Deutschen Zollvereins 1834 ließen sich erste Tuchfabriken und Wollspinnereien hier nieder. Im Jahre 1847 wurde Görlitz mit nunmehr über 18 000 Einwohnern in die Reihe der großen preußischen Städte aufgenommen und  der Bahnhof in Betrieb genommen. Der bestand übrigens lange Zeit aus einem preußischen und einem sächsischen Teil, weiß Wolfgang Trodler zu berichten. Die Gründerzeit sorgte für ordentlichen Aufschwung in der Stadt an der Neiße. Viergeschossige Mietshäuser, freistehende Stadtvillen waren Beleg für wachsenden Wohlstand. Als Flächendenkmal steht die gründerzeitliche Stadterweiterung in Görlitz unter Denkmalschutz. Zur traditionellen Tuchherstellung kamen Waggon- und Maschinenbau hinzu. So wurde Görlitz im 19. Jahrhundert die reichste Stadt Deutchlands.

Bis heute schreibt ein Haus in der Innenstadt Geschichte. Schon 1717 gab es den Gasthof „Goldener Strauß“, der später zum Hotelausgebaut wurde. Nach dem Willen des Stadtrates sollte um 1912 an dieser Stelle jedoch ein Warenhaus entstehen. Das Hotel wurde abgerissen und nach neun Monaten Bauzeit wurde das „Kaufhaus zum Strauß“ am 30. September 1913 eröffnet. Zehn Jahre später erwarb die Karstadt AG das Warenhaus, ab 1950 war es staatliches HO-Kaufhaus und später Centrum-Warenhaus. Nach 1990 erhielt es der Karstadt-Konzern zurück. Im Folgenden wechselten die Besitzer mehrfach. 2010 schließlich wurde das Haus geschlossen. Kurzzeitige Berühmtheit erlangte  es in jüngerer Zeit als Filmkulisse.

Das Kaufhaus im Jugendstil steht hier stellvertretend für viele imposante Gebäude, Denkmale und wunderschöne Plätze, die seit 1990 liebevoll und mit Sachkenntnis saniert wurden. So gibt es zum Beispiel einen Stadtbildpfleger, der die Farbgebung für die historischen Häuser festlegt. Beim Rundgang können wir uns kaum satt sehen an den Hallenhäusern. In einem der insgesamt 34 ist  das Schlesische Museum Görlitz untergebracht. Ungewöhnlich für eine Ortsgestaltung sind auch die Zeilenhäuser mitten auf dem Markt. Vor drei Jahren wurde auf dem Postplatz die alten Wegekreuzungen wieder hergestellt, deren Mitte der Kunstbrunnen mit der Muschel-Minna prägt. Dazu gäbe es wie zu vielen anderen historischen Gebäuden eine neue Geschichte zu erzählen. Doch das vielleicht später einmal.

Wir beenden den Besuch in Görlitz www.goerlitz.de diesmal nach Lust und Laune und bedanken uns bei Wolfgang Trodler und Kerstin Fiedler für den tollen Tag. Einige unternahmen noch einen Stadtbummel und die anderen machten sich auf den Weg ins Spielzeugmuseum Görlitz auf der Rothenburger Straße.  Text und Fotos: Sabine Bachert

Ein Kommentar

  1. Ja, das war ein echtes Erlebnis, Görlitz zu sehen und zu fühlen. Ich war so froh, das ich mit gefahren bin. Diese Stadt ist einfach nur schön. Sie atmet so etwas wie Noblesse. An jeder Ecke gibt es zu schauen und zu staunen. Mich hat auch beeindruckt, das es noch eine Stadt gibt, wo es noch andere Mode- und Schuhgeschäfte gibt, als es so üblich ist. Ich bin überzeugt, das ich bald wieder nach Görlitz fahren werde. Mit dem Zug ist das sehr bequem.

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