Wo Geige, Tuba und Harmonika zu Hause sind

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Ein Besuch im Musikinstrumenten-Museum im vogtländischen Markneukirchen

Eigentlich war ich aus einem ganz anderen Grund im Vogtland unterwegs. Doch ich hatte Zeit. Zwei Tage mussten zwischen zwei Terminen überbrückt werden. Einen verbrachte ich – wie die Leser dieser Seite vor kurzem erfahren haben – in der Weltraumausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz. Für den anderen kam mir der „Musikwinkel“ in den Sinn. Hier im südlichsten Zipfel Sachsens nahe der Grenze zu Tschechien ist die Musik zu Hause. Besser gesagt, hier hat der Bau von Musikinstrumenten einen Ursprung.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts siedelten sich Geigenbauer aus dem böhmischen Graslitz (heute Kraslice) im protestantischen Neukirchen und benachbarten Orten in Sachsen an. 12 ihrer Meister gründeten 1677 eine Innung. Ihr Können, der Holzreichtum des Vogtlandes und die Handelswege beflügelten das Handwerk des Geigenbaus. Um 1750 etablierten sich Bogenmacher, und als 1777 eine Saitenmacherinnung gegründet wurde, hatte der Musikinstrumentenbau hier einen festen Platz. Bereits um 1755 baute man Metallblasinstrumente und 1800 kamen erst der Gitarrenbau und etwa 1855 der Zitherbau dazu. Im benachbarten Klingenthal verstand man sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts auf die Herstellung von Mund- und Handharmonikas und ab 1958 wurden hier elektronische Tasteninstrumente hergestellt. Heute sind fast 80 Werkstätten in der Innung des „Vogtländischen Musikinstrumentenhandwerks Markneukirchen“ vereint. Insgesamt sind über 100 Firmen mit dem Bau von Musikinstrumenten befasst. Die Gegend trägt – meine ich – sehr zu Recht den Namen Musikwinkel.

Schon 1883 regte der Lehrer und Organist Paul Apian-Bennewitz die Gründung eines Museums an. Man wollte damit, so ist es überliefert, das Handwerk zeigen und die Möglichkeiten, die sich für die Ausbildung in den dazugehörigen Berufen auftaten. Und noch etwas hatte man im Blick: Aus der anfänglichen Sammlung könnte etwas ganz Großes werden. Und so kam es auch. 1886 kam das Museum in städtischem Besitz und es brach eine regelrechte Sammelleidenschaft aus. Schon ein Jahr später bereicherte eine große Anzahl von Musikinstrumenten aus China, Japan, der Türkei, Afrika und Südamerika die Ausstellungen, die damals noch in verschiedenen Häusern untergebracht waren. 1942 zog das Musikinstrumenten-Museum um an seinen heutigen Standort, dem „Paulus-Schlösschen“. Zusammen mit dem Gerber-Hans Haus schräg gegenüber – in dem man unter anderem die Verarbeitung des Holzes zu Musikinstrumenten nacherleben kann – lädt es in eine einzigartige Erlebniswelt ein, wie Stefan Hindtsche, stellvertretender Museumsleiter, betont. Neben den Dauerausstellungen gibt es immer wieder besondere Schauen und im Park neben dem Museum laden 20 Klanggeräte zum ausprobieren ein.

Der Rundgang im Paulus-Schlösschen führt die Besucher durch 20 Räume im Hauptgebäude und in zwei Anbauten. An dieser Stelle alle ausgestellten Musikinstrumente aufzuzählen, würde Seiten füllen. Nur wenige zu nennen, wäre nicht gerecht. Man muss sie einfach selbst gesehen haben. Und nicht nur das. Einige Instrumente lassen die Museumsmitarbeiter auf Knopfdruck gern erklingen, an anderen kann man sich selbst ausprobieren. Zwei greife ich trotzdem heraus. Eine Riesentuba mit einer Gesamtrohrlänge von 11,40 Metern und eine Riesengeige mit einem 5,25 Meter langen Bogen. Beide haben es 2012 beziehungsweise 2010 in das Guinnessbuch der Rekorde geschafft. Und auch darauf sind die Markneukirchener stolz: Im Dezember 2014 wurde der vogtländische Musikinstrumentenbau in Markneukirchen und Umgebung in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. Text und Fotos: Sabine Bachert

www.museum-markneukirchen.de

 

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